Hallo,

endlich hältst du den Soli-Sampler für die Gefangenen von Strasbourg in den Händen. Seine Entstehungsgeschichte könnte allein dieses Booklet füllen, das wollen wir dir aber nicht zumuten…

Wir sind froh, dass es jetzt dennoch geklappt hat und wir unseren Teil dazu beitragen können, dass die hohen Kosten, die durch Antirepressions- und Antiknastarbeit anfallen, abgedeckt werden können.

Viele Menschen waren an der Entstehung der CD beteiligt, unzählige Bands schickten uns ihre Lieder zu oder gaben ihr OK, eines ihrer Stücke benutzen zu können. Vielen Dank an euch!

Das Booklet ist gefüllt mit Texten aus dem Knast in Strasbourg. Die Gefangenen erzählen uns, die wir das Glück hatten, während der Proteste gegen den NATO-Gipfel 2009 nicht in die Hände der Staatswillkür zu gelangen und im überfüllten Gefängnis zu landen, von ihren Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken.

Diese CD richtet sich gegen das polizeistaatliche Vorgehen in Strasbourg, gegen Knäste allgemein und gegen das System von Belohnung und Strafe, in dem wir alle sozialisiert werden.

Lassen wir aber jetzt die Gefangenen zu Wort kommen. Wir sollten gut zuhören.

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Hey Ho Freunde,

wir finden es toll, dass ihr immer noch an uns denkt. Seit nunmehr drei Monaten hocken wir in diesem Loch mit dem wenig klangvollen Namen „Maison d‘arret de Strasbourg“. Wie lange es dauern kann, bis wir alle endlich hier raus sind, lässt sich schwer einschätzen und nicht verallgemeinern. Einige warten auf ihre Revision, andere haben ihre Urteile akzeptiert, wieder andere haben den Status der U-Haft. Gerade für letztere ist es kaum absehbar, wie lange sie noch schmoren müssen.

Umso wichtiger ist daher eure Solidarität, die nach wie vor groß ist. Viele Menschen, viele Orte – ob das Schicken von Briefen, Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, themenbezogene Infotische oder progressive Dachspaziergänge, die den ganzen Knasthof zum Toben bringen, alles gibt Mut, alles hilft, alles ist wichtig. In diese Reihe der wichtigen, ermutigenden und hilfreichen Dinge fügt sich auch der Sampler in deiner Hand.
Zum Einen schafft er Öffentlichkeit und damit eine Art Sprachrohr für uns, die Gefangenen, zum Anderen ist so ein kreativ-musikalisches Soliprojekt auch immer eine Brücke zwischen Politik und (Sub-)Kultur. Triebfeder ist, neben der Aktualität eines bestimmten Themas, eine mehr oder weniger bekannte Abkürzung mit drei Buchstaben: DIY, also Do It Yourself. Anders als vielleicht einige vermuten mögen, handelt es sich hierbei nicht um den Werbeslogan einer Baumarktkette oder einer dieser Heimwerker-Shows im Vormittagsprogramm von Pro7, nein, der Begriff, um den es hier geht, kommt aus der Zeit der frühen Hardcorebewegung. Angepisst von den Machtverhältnissen, der Verlogenheit einer politischen Elite und den lethargischen, christlich-konservativen Wertvorstellungen ihrer Eltern gründeten viele junge Menschen unzählige Bands. Selbstorganisiert, radikal und mit dem Bedürfnis alles umzustürzen, verliehen sie ihrer Wut durch die Musik und den Lebensstil Ausdruck. Es wurden Konzerte organisiert, Platten gepresst, Cover entworfen und Labels gegründet, alles in Eigenregie. Ein für die damalige Zeit völlig neues Phänomen. Bei allen Negativerscheinungen dieser jungen Bewegung, wie z.B. die Homophobie à la „Bad Brains“, politisierten sich viele Leute und der Gedanke des DIY trat seinen globalen „Siegeszug“ an und stellte bald eine Schnittmenge zwischen Politik und Gegenkultur dar. So vernetzten und vernetzen sich verschiedenste Akteure und Akteurinnen weltweit. Die Offenheit für viele Menchen und Impulse, die Basisorientiertheit, sowie die antikapitalistischen Grundzüge halfen dabei, diese Gegenkultur progressiv zu entwickeln, was zu der, zumindest partiellen bzw. zeitlich limitierten, Überwindung von alltäglichen Machtauswüchsen wie Rassismus, Homophobie, Sexismus und Antisemitismus führte. Nach fast 30 Jahren bedeutet DIY immer noch mehr als ein bestimmtes Tatoo zu haben, sich einen Patch mit einem A im Kreis auf die Hose zu nähen, möglichst billig viel Alk zu saufen oder mit „-ismen“ um sich zu feuern. Für uns heisst DIY immer noch, eine Angepisstheit über die herrschenden Verhältnisse zu empfinden und den Drang zu verspüren, uns und unser Leben selbst zu organisieren. Es ist ein Baustein, eine Möglichkeit, um eine Gegenhegemonie aufzubauen, ein Versuch, sich der Disziplinierung der kapitalistischen Verwertungs- und Verwurstungsmaschinerie zu entziehen. Nur eine Linke, die es schafft, ihre theoretischen Gebäude mit Leben, Liebe, Lust und (Gegen-)Kultur auszugestalten und für Veränderungen offen zu bleiben, wird auch eine Zukunft haben.
In diesem Sinne hoffen wir, dass ihr viel Spaß beim Hören dieses Samplers haben werdet.
Gegen Lustfeindlichkeit und für ein ganz anderes Ganzes. Unsere Kreativität gegen die Repression…

Das Knastkollektiv 67
Strasbourg, 2. Juli 2009

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Musik war schon immer ein Ausdruck des Protestes. Sie prägte Generationen im Kampf gegen das vorherrschende System bis heute! Gut, dass es Menschen gibt, die in ihrer Musik Kritik und Widerspruch äußern und ihre Kunst nicht profitorientiert an den Mainstream verkaufen. Diesen Menschen verdanken wir zum Teil auch die Kraft, uns aufzurappeln und uns quer zu stellen und nicht untätig am Freitagabend auf dem Sofa zu liegen.

Seit den Anti-NATO-Protesten sind nun drei Monate vergangen. Es tut gut zu wissen, dass außerhalb unseres Knastalltags etwas (weiter) passiert. Hier fühlt man sich oft hilflos und ständig den staatlichen Repressionen ausgesetzt. Nicht nur der Willkür der Wärter, sondern auch der Willkür der Rechtsbeugung im ganzen Strafsystem, die wir Tag für Tag miterleben. An sich fühlen wir uns wie in einer großen Blase mit eigener Zeit, eigenen Gesetzen und schlechten Angewohnheiten.

Für uns ist der Support von draußen wie einige Minuten außerhalb der allgegenwärtigen Mauern. Vielen Dank an die Menschen, egal ob Familie, Freunde oder Genossen, die sich Zeit genommen haben, uns mit Paketen und Briefen zu unterstützen.

Die NATO sehen wir als verbrecherische Organisation, die überall Krisen produziert, Regionen destabilisiert, Menschen verhungern und entwürdigen lässt und weltweit direkt und indirekt mordet.

Danke an alle, die an dieser Soli-CD mitgearbeitet haben und auch an die, die sie kaufen. Alle tragen auf ihre Weise zu unserer Unterstützung bei.
Never give up the fight!
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Statement aus dem Knast
Der Nato-Gipfel ist seit über einem Monat vorbei und kaum ein Mensch erinnert sich noch an die Proteste geschweige denn deren Inhalte. Während des Gipfel wurden viele Demonstrant_innen, die sich an den Protesten beteiligten, in Gewahrsam genommen. Einige wenige davon wurden willkürlich in Schnellverfahren zu Haft- und Bewährungsstrafen verurteilt. Mit diesen Prozessen sollten nach Aussage Sarkozy’s Exempel statuiert werden, die Antimilitarismus- und Friedensbewegung sollte verurteilt und kriminalisiert werden. Über einem Monat nach den Verhaftungen haben es die inhaftierten Gipfelgegner_innen nun geschafft ein gemeinsames Statement zu verfassen. Darin erklären sie ihre Beweggründe sich an den Protesten gegen den Nato-Gipfel zu beteiligen und schildern ihre Situation im Gefängnis und die ihnen zu Teil werdende Solidarität.

Kriegstreiberei wird gefeiert- wer sich wehrt, kommt in den Knast
Erklärung einiger Gefangener nach dem NATO – Gipfel in Strasbourg

Im Gefängnis geht alles nicht so schnell. Wenn man einen Brief schreiben will, müssen erstmal Briefmarken und Papier bestellt werden. Dafür braucht es Geld. Und auch wenn dir Geld zur Verfügung steht, kann es dauern bis die bestellten Dinge da sind. Alle Briefe werden geöffnet und wahrscheinlich gelesen, dass braucht auch seine Zeit. Informationen gelangen nur sehr langsam herein und heraus.- Und so melden wir uns erst jetzt zu Wort-
1,2,3 und du bist nicht mehr frei!

Als die NATO am 3. und 4. April 2009 ihren Geburtstag feiern wollte, war sie nicht allein. Zehntausende Menschen fuhren nach Frankreich, um gegen das Kriegsbündnis auf die Straße zu gehen. Tausende deutsche und französische Polizist_innen waren im Einsatz. Das Schengener Abkommen wurde außer Kraft gesetzt und die Stadtzentren von Baden-Baden und Straßburg wurden abgeriegelt. Viele Menschen bekamen Einreiseverbote nach Frankreich und umliegende Länder. Bereits zwei Tage vor dem Gipfel wurde eine ganze Demonstration bei Straßburg eingekesselt und verhaftet, welche sich gegen die tödliche Polizeigewalt beim G20- Gipfel in London gerichtet hatte. Vor der Masseningewahrsamnahme wurden die Menschen mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen durch einen Wald gehetzt. So wurden zwei Menschen die sich im Wald völlig ruhig verhalten hatten mit Gummigeschossen angegriffen. Dabei wurde der Mindestabstand von fünf Meter weit unterschritten, was tödliche Verletzungen zur Folge haben kann. Eine erste medizinische Versorgung der Wunden wurde z. T. erst am nächsten Morgen gewährt. Die nächsten Tage verliefen ähnlich: über 350 Menschen wurden willkürlich in Gewahrsam genommen und mussten zum Teil mehrere Nächte in überfüllten Sammelzellen verbringen, ohne Essen und teilweise verletzt. Die meisten Menschen wurden wieder frei gelassen, nur einige wenige traf die Polizeiwillkür besonders hart: Neun Menschen sind seit mittlerweile einem Monat im Knast. Wir, die wir diesen Text schreiben, sind einige davon.

Justiz im Auftrag des Präsidenten

Dass ausgerechnet wir hier sind, ist reiner Zufall – jede_n hätte es genauso treffen können. Die Medien ereiferten sich über Randalierer. Präsident Sarkozy forderte öffentlich, die Täter so hart wie möglich zu bestrafen. Polizei und Justiz standen unter dem Druck, „Erfolge“ ihrer Arbeit zu präsentieren, als zwei Tage nach dem Gipfel die Schnellverfahren stattfanden. So ging es bei den Prozessen im Wesentlichen nicht um die konkreten Tatvorwürfe. Die Urteile orientierten sich stark an den Plädoyers des Staatsanwaltes, dessen Argumentation stützte sich zum großen Teil auf Vermutungen und Behauptungen ohne jede Beweiskraft. Es wurde erst gar nicht versucht den Eindruck eines fairen Verfahrens zu erwecken. Es handele sich um einen „Professionellen“ der „vor Gericht Reden hält“, so der Staatsanwalt über einen der Angeklagten. Als Beweis reichte ihm die Aussageverweigerung bei der Polizei und die große Distanz, die der Beschuldigte zurück gelegt hatte, um an den Protesten teilnehmen zu können. Einer weiteren Person wurde die Mitgliedschaft in der „Organisation Black Block“ vorgeworfen. Das Gericht musste sich erst darüber aufklären lassen, dass es eine solche Organisation gar nicht gibt. Es ging hier eindeutig darum, medienwirksam ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Die Äußerungen Sarkozys hatten uns schon im Vorfeld Schlimmes befürchten lassen. Die Strafen und die Härte der Urteile überraschten auch unsere Rechtsanwälte, da es sich um ein Vielfaches des gewöhnlichen Strafmaßes handelte – selbst wenn alle Anschuldigungen wahr gewesen wären. Drei Menschen wurden zu Haftstrafen mit sofortigem Haftantritt verurteilt. Zwei Menschen gingen in Berufung. Einige weitere Personen bekamen Bewährungsstrafen. Ein Deutscher, der zu 3 Monaten Haft ohne Vollzug verurteilt worden war, wurde ohne ersichtlichen Grund für 48 Stunden in einen Abschiebeknast gesteckt, bevor er an der wenige Kilometer entfernten Grenze den Behörden der Bundespolizei übergeben wurde. Die sechs anderen hier Einsitzenden hatten bisher keinen Prozess. Vier davon werden am 5. Mai vor Gericht stehen – ein weiterer Fall von Gesinnungsjustiz ist zu erwarten. Zwei sitzen vorerst 4 Monate in U- Haft. In der populären Straßburger Tageszeitung „DNA“, die wir hier zu lesen bekommen, sollte der Eindruck erweckt werden, dass die „Schuldigen“ der Ausschreitungen vom 4.April zu „gerechten Strafen“ verurteilt wurden. So wurden gezielt Informationen unterschlagen, etwa dass drei der Angeklagten bereits zwei Tage zuvor festgenommen wurden. Außerdem wurden Zitate aus den Verhandlungen in völlig falschen Kontexten wiedergegeben. Die Zeitung druckte auch die vollen Namen und Wohnorte der Verurteilten aus der BRD ab. In einem anderen Fall wurde über einen Angeklagten berichtet, der einen Polizisten gebissen haben soll und behauptete, er habe AIDS. Dazu wurde ein Foto veröffentlicht, dass einen Angeklagten vom Vortag zeigt. Dieser hatte jedoch nichts mit den Vorwürfen zu tun. In der Wirkung ein reiner Rufmord, zumal 90% der hier Inhaftierten die „DNS“ lesen.

Die Brandstifter als Friedensstifter

Bei der Medienberichterstattung über die Proteste, soweit wir sie hier mitbekommen konnten, war die berechtigte Kritik an der NATO- Politik völlig aus dem Blick geraten oder wurde gezielt weggelassen. Statt dessen wurden die beteiligten Politiker_innen als Friedensstifter_innen dargestellt. Der „60. Geburtstag“ des Kriegsbündnisses wurde medienwirksam gefeiert und als eine Art Gala der Wohltätigen der westlichen Welt verklärt. Dabei steht die NATO, fast zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges, wie kein anderes Militärbündnis für Aufrüstung, für die Herstellung von mehr und noch „besseren“ Waffen und für immer mobilere Armeen, die jederzeit und überall die Machtinteressen der Herrschenden durchsetzen können. Der aktuelle Vorwand kann sich ändern, die Palette reicht hierbei von der sogenannten Durchsetzung von Menschenrechten, der Jagd auf Terroristen oder aktuell der Kampf gegen die Piraten von Somalia. Die wahren Gründe für Interventionen bleiben die gleichen: Ausweitung der freien Märkte, Rohstoff – und Ressourcensicherung, sowie geopolitisches Machtkalkül. Einige der am NATO- Gipfel Beteiligten sind für tausende Tote auf der ganzen Welt verantwortlich. Der Irak und Afghanistan sind hierbei nur die populärsten Beispiele. Das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Gipfeltreffen diskutierte NATO- Strategiepapier „ Zu einer Gesamtstrategie in einer ungewissen Welt- Die transatlantische Partnerschaft erneuern“ zeigt nicht nur ganz klar die zukünftigen Kriegsschauplätze des Nordatlantik Paktes auf, es nennt auch noch ungeniert die oben bereits erwähnten wirtschaftlichen Gründe für eine militärische Präsenz. Hier wird insbesondere die Bedeutung Afrikas in Bezug auf Ressourcenknappheit, Klimawandel und Migrationskontrolle hervorgehoben. Aktuelle Fragestellungen des 21. Jahrhunderts sollen mit Hilfe einer neuen, gemeinsamen Militärstrategie gelöst werden. Es bedarf also keines großen Rechercheaufwands um die NATO als Kriegstreiber in der Pose einer Weltpolizei zu überführen. Umso skurriler erscheint das produzierte Medienbild. Völlig verzerrt, werden auf der einen Seite die NATO- Staaten als „ Friedensstifter“ dargestellt und auf der anderen Seite die Demonstranten_innen als Gewalttäter_innen diffamiert. Das Problem der strukturellen Gewalt eines Kriegsbündnisses wird komplett ausgeblendet. So ist es nicht verwunderlich das Kriege relativiert und mit den Ausschreitungen in Straßburg verglichen werden. Brennende Barrikaden können dann schon einmal mit den Bildern des zerstörten Beiruts gleichgesetzt werden. So gerät eine freie Berichterstattung zur Farce. Egal was man nun von den Ausschreitungen hält, das Verhalten der Medien legt nur einen Schluss nahe, es soll von den wahren Brandstiftern, in Form der NATO, abgelenkt werden.

Im Knast….

Irgendwie sind wir im Knast weit weg von der Welt und doch mittendrin. Das klingt paradox, doch vor allem hier drin werden die negativen Aspekte unserer Gesellschaft deutlich. Staatlicher Rassismus und totale Kontrolle sind nicht nur Phänomene innerhalb der Knastmauern. Abschiebung, Erfassung biometrischer Daten, Videoüberwachung und das Ausschnüffeln der Privatsphäre sind nur einige Beispiele die auch in der sog. Freiheit allgegenwärtig sind. Auch Methoden zur Widerstandsbekämpfung gibt es im Knast. So wurde die Polizeieinheit „IRISSE“ allein aus dem Grund der Aufstandsbekämpfung gegründet. Zuletzt wurde diese Anfang April im Gefängnis von Mulhouse eingesetzt. Hier wollten Gefangene nach dem Hofgang nicht zurück in ihre Zellen. Die Beamten sind wie die Cops auf der Straße und bei Demos, mit Tasern, Knüppeln und Tränengas ausgestattet. Die meisten Gefangenen, denen wir hier begegnen, sitzen wegen kleinen Delikten ein. Benutzung falscher Papiere um nicht abgeschoben zu werden oder arbeiten zu können. Alkohol am Steuer. Diebstahl und Etikettenschummel, Besitz von kleinen Mengen Drogen. Viele kamen wie wir per Schnellverfahren direkt in den Knast, für Monate oder gar Jahre. Die meisten sind jung, mit migrantischem Hintergrund und aus den Banlieues. Viele erzählen uns das „Ausländer_innen“ immer die härtere Strafe bekommen. Als Gefangene_r lebt man nicht völlig schlecht. Die Grundbedürfnisse wie Essen, Wärme, Bewegung, Kontakt zu anderen Menschen sowie medizinische Versorgung werden einigermaßen erfüllt- zumindest so lange du dich normgerecht verhältst. Alles hier ist portioniert und rationiert. Es fängt beim Essen an, geht bei der Zeit auf dem Hof weiter und hört bei den spärlichen Informationen keines Falles auf. Manche Schließer sind scheiße, andere weniger, aber immer ist man abhängig von ihnen, jederzeit haben sie unbegrenzte Zugriffsrechte, immer besteht die Möglichkeit, beobachtet zu werden, immer kann es für unangepasstes Verhalten Disziplinarstrafen geben. Dieses totalitäre System, dass allen Knästen innewohnt beruht auf der Macht der Überwacher und der Ohnmacht der Überwachten. Unsere Freiheiten hier bestehen z. B. darin, zum Gottesdienst zu gehen oder nicht, zum Hofgang zu gehen oder nicht. Schon beim Duschen hört die Freiheit auf. Wer dreimal nicht zu vorgeschrieben Zeiten duschen geht, kommt in die Arrestzelle in den Keller. Auch die Wassertemperatur ist nicht frei wählbar und damit Glückssache. Wer Geld hat, hat noch ein paar weitere Freiheiten: nämlich die Wahl, dieses oder jenes zusätzlichen Essens oder einige andere Konsumgüter zu kaufen. Mindestens 100 Gefangene haben kein Geld und können sich noch nicht einmal Seife oder Briefmarken kaufen. Sie sind auf die Almosen der Sozialarbeiter und Seelsorger angewiesen. Doch auch das sind nur Tropfen auf den heißen Stein. Im Knast in Straßburg sitzen über 700 Gefangene, bei einer eigentlichen Kapazität von 450 Plätzen. Um die chronische Überfüllung möglich zu machen, werden in die meisten Einzelzellen einfach Doppelstockbetten gestellt. So teilen sich 2 Personen etwa 9m2 – einschließlich Toilette. Die Überbelegung ist aber keine Straßburger Besonderheit. Frankreich weit saßen in 200 Gefängnissen am 1. April 63.521 Menschen im Knast. Die Gesamtkapazität beträgt dagegen nur 52.535 Plätze*.² In der BRD scheint es nicht anders zu sein: Im März diesen Jahres musste z. B. die Justizministerin von NRW einräumen, dass die Haftbedingungen, unter anderem wegen der Überfüllung, teilweise menschenunwürdig seien.**

Solidarität yeah!

Das Solidarität hilft, können wir hier drin wirklich erleben. Nicht nur die Gefangenen der Proteste, sondern auch die vielen anderen helfen sich gegenseitig: mit Infos, mit Süßigkeiten, mit Zuhören, mit Rat und Tat und das tut gut. Wir freuen uns über die vielen Solidaritätsbekundungen in den verschiedenen Städten. Über all die Menschen, die uns öffentlich, privat und praktisch den Rücken stärken. Wenn die gegen uns verübte Willkür und Gewalt überall, über Grenzen hinweg Menschen auf die Straße und zusammen bringt, dann geht das geplante Exempel, das die Mächtigen an uns statuieren wollen, nach hinten los. Wir freuen uns sehr, wenn jetzt in Frankreich und in der BRD und vielleicht darüber hinaus eine Vernetzung entsteht, ein Netzwerk der Antirepression,dass noch länger Bestand hat. Darum gilt nach wie vor: Solidarität muss praktisch, in Zukunft aber vor allem grenzübergreifend werden!!
einige Gefangene aus Straßburg –
Straßburg, den 29.04.2009
*DNA 09.04.09 und 25.04.09
**³ND 20.03.09
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„Ich will selbst die Kontrolle über mich und mein Leben haben!” – Eindrücke aus dem Knast
Wir dokumentieren hier einen persönlichen Bericht von einem Gefangenenen im Knast in Frankreich. Er berichtet ohne Anspruch auf Vollständigkeit, von den Haftbedingungen, wie er sie erlebt, von der Wirkung der Überwachung, von besonderen Erlebnissen und von der Kraft gegenseitiger Hilfe und Solidarität:

Gottesdienst. Ein großer Raum, „Mehrzwecksaal“genannt, ohne Fenster und mit grauem Stoff an der Decke, den man kaum von dem vielen Staub unterscheiden kann. Dicke, eckige Lüftungsrohre gehen durch den Raum, aber den Lärm der Lüftungsanlage hat man schnell wieder vergessen. An den Wänden einige Stücke naiver Kunst, von Gefangenen gebaut, gebastelt oder gemalt – die bringen etwas Farbe in den Raum. Drei oder vier Stuhlreihen stehen im Halbkreis um den Altar. Etwa vierzig Gefangene sind da: Vorn links sitzen die älteren weißen Männer aus der sogenannten „Kinderficker- Etage“, dann die Schwarzen, die Russen, die Deutschen, die jugendlichen Elsässer. Die größte Gruppe der Gefangenen fehlt hier beim christlichen Gottesdienst: die überwiegend arabischstämmigen Banlieu-Bewohner. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, Gefangene aus anderen Abteilungen zu treffen. Da reicht die Zeit vor und nach dem Gottesdienst nicht zum Quatschen – die ganze Zeit gibt es viel Wichtigeres zu bereden, zumindest unter denen, die sich schon extra in die letzte Reihe setzen.
Die ersten Male habe ich mich noch über die Abwechslung gefreut: ein neuer Raum, andere Menschen, Französisch hören und dabei was lernen. Aber je mehr ich verstehe und je öfter ich in dem fensterlosen Raum mit den Neonröhren an den Wänden sitze, desto mehr kotzt mich alles an. Allein schon, dass ich hier sitzen und zuhören muss. Ich könnte ja auch in der Zelle bleiben, aber dort verbringe ich ja schon zwanzig Stunden am Tag.
Der Pastor sagt, das Gefängnis sei eine Probe, die Gott uns gestellt habe, und dass Gott uns in schweren Zeiten wie diesen am nächsten sei. Als wären es nicht Menschen gewesen, die uns hier hereingebracht haben: Vertreter der Justiz, die seit Sarkozy noch repressiver und rassistischer ist, und überhaupt eine Gesellschaft, der nichts Besseres einfällt, als zehntausende Menschen wegzusperren, statt sich mit wirklichen Problemen und Ursachen auseinanderzusetzen.

Wenn ich so darüber grüble und mich ärgere, kann ich mich richtig hineinsteigern und tue damit sicher vielen Christen unrecht. Aber die Rolle der Kirche hier im Knast kann ich nur als Mittel zur Herrschaftssicherung verstehen – die Botschaft: Ihr müsst alles hinnehmen und für eine bessere Zeit beten. Gott will es so, dass ihr arm seid. Hauptsache, ihr tut nichts Verbotenes, auch wenn ihr sonst kaum Chancen habt.

Ich will selbst die Kontrolle über mich und mein Leben haben. Ich will weder von einer Justiz gerichtet, noch von einem Gott „auf die Probe gestellt“ werden. Aber was sind denn hier die Möglichkeiten, das eigene Leben in die Hand zu nehmen? Hier, wo alles kontrolliert und Bewegung extrem eingeschränkt wird?

Hungerstreik? Führt wahrscheinlich zur Zwangsernährung und schwächt den Körper noch mehr, als es der Bewegungsmangel schon macht. Sogar die Kontrolle über den eigenen Körper könnte man dadurch noch verlieren.

Aufstand? In einem anderen Knast haben sich die Gefangenen neulich geweigert, nach dem Hofgang wieder in die Zellen zu gehen. Nach wenigen Stunden kamen die Spezialbullen von der Knastaufstands-Bekämpfungs-Einheit „Eris“ und prügelten alle rein. Die angeblichen Anführer wurden verlegt oder kamen in den „Bunker“ (d.h. Einzelhaft in einem feuchten Keller für eine bestimmte Zeit).
Ausbruch? Mauern, Zäune, NATO-Draht, Kameras, Wachtürme – so viele Hindernisse, dass es aussichtslos erscheint…
Der Gottesdienst ist vorbei und ich schrecke hoch aus meinen Grübeleien. Wir quatschen noch ein bisschen, aber bald müssen wir raus. Auf dem Weg zurück in die Zelle gibt es vier Gittertüren zu überwinden: Vor jeder Tür steht man eine Weile, manchmal muss man vor einer Kamera herumfuchteln, bis in einer unsichtbaren Zentrale jemand auf einen Knopf drückt und sich die Tür mit einem metallenen Knacken entriegelt. Auf der heimatlichen Etage wartet die Schließerin oder der Schließer des Tages und schließt uns ein. Am Anfang habe ich oft „Danke“ gesagt, ohne darüber nachzudenken, als würde mir jemand aus Freundlichkeit die Tür aufhalten. So schnell war es „normal“, eingeschlossen zu werden. Oder so sehr habe ich mir vielleicht eine gewisse „Normalität“ gewünscht, die sich in so kleinen Gesten ausdrückt. Auf einer Augenhöhe sein, sich gleichberechtigt gegenüberstehen – Tür aufhalten – “Danke!“

Wieder in der Zelle. Zwei Menschen auf acht Quadratmetern, zwanzig Stunden am Tag. Essen, Toilette, Sport, Lesen, Schreiben, Wäsche waschen, Schlafen, alles auf diesen acht Quadratmetern. Zwei Meter breit, vier Meter lang. In der Tür ist ein kleines Guckloch, in dem abends in regelmässigen Abständen ganz kurz das Auge eines Schließers auftaucht. Am anderen Ende der Zelle ist das Fenster, gross und breit, mit doppeltem Gitter. Ein grobes Gitter, ungefähr so, wie man es sich vorstellt. Davor ist noch ein feineres, engmaschiges Gitter, durch das man gerade so zwei Finger hindurchstecken kann. Wenn man zur Tür hereinkommt, sind rechts zwei Schränke, auf der linken Seite Waschbecken und Klo. Eine Wand aus Glassteinen schirmt die Toilette optisch ab vom Doppelstockbett aus Metall. Zwei kleine Tische, zwei Stühle, ein Fernseher. Mehr passt auch gar nicht in die Zelle.
Mein Mitbewohner ist nett, ich mag ihn sehr. Oft ist es schön, zu zweit zu sein. Gemeinsam essen, über Gott und die Welt reden, sich austauschen über Briefe und anderes, lästern über die Justiz oder rumblödeln… Aber zwanzig Stunden am Tag? Nur wenn wir beide im Bett liegen, sehen wir uns nicht, oder wenn einer von uns auf der Toilette sitzt. Jede Bewegung des anderen kriegt man mit. Man kann kaum weggucken, man muss sich fast schon beobachten. Nur selten bin ich mal allein, und nie länger als zwei Stunden. Dann merke ich erst wieder etwas, das ich sonst verdränge. Dass man sich des Alleinseins hier nie sicher sein kann. Ständig höre ich Schritte und Schlüsselklappern auf dem Flur oder das Klappern und Quietschen der Gittertür, die zum Treppenhaus führt. Unvermittelt steht ein Schließer in der Zelle, um das Gitter zu kontrollieren oder Briefe zu bringen. Man kann einen Zettel mit der Aufschrift „Toilette“ unter der Tür hindurchschieben, dann kommt erst mal niemand rein, oder klopft wenigstens.
Natürlich denke ich über die Überwachung und Kontrolle nicht die ganze Zeit nach. Ich vergesse es einfach, verdränge es, es ist Alltag geworden, „Normalität“ Es fühlt sich dann auch nicht besonders schlimm an, hier zu sein. Wahrscheinlich ist die Verdrängung ein wichtiger Selbstschutz – würde ich immer an die Überwachung denken, wäre ich vielleicht schon verrückt geworden.
Wie viele andere Menschen, die in Zwangsverhältnissen stecken, tröste auch ich mich damit, dass alles noch viel schlimmer sein könnte. Das stimmt ja auch, immerhin haben wir genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, es ist mehr oder minder sauber, es gibt ein paar Aktivitäten, wie Sport und Schule,… Vielen Menschen auf der Welt geht es weitaus beschissener auch außerhalb von Knästen. Aber das ist natürlich kein Grund, sich mit schlechten Verhältnissen abzufinden.

Mit die schönsten Dinge sind die Briefe. Manchmal mit Bildern und Fotos, aber vor allem mit Geschichten, mit Infos, mit Fragen, oft voll Rückhalt, Vertrauen, Liebe. Das hilft sehr, genauso das Antworten. Zum Glück habe ich viele schöne Erinnerungen, viele Menschen, an die ich gern denke, Ideen für die Zukunft. Bücher und Zeitschriften sind auch sehr wichtig für mich: viele Anregungen und Ideen zum „Weltverändern“, Bücher, die ich schon lange lesen wollte, und ein Thema, das erst hier interessant geworden ist: das Wegsperren von Menschen.

Ein Knacken im Lautsprecher über der Tür: „Für den Hofgang bitte Knopf drücken!“ Manchmal ist die Stimme kaum zu verstehen, aber es gibt kaum andere Durchsagen. Einer von uns beiden springt auf und drückt auf den Knopf, draußen über der Tür geht eine rote Lampe an. Wir machen uns schnell fertig: Man weiß nicht, wie schnell sie kommen. Oft sitzen wir noch lange herum, bevor es wirklich los geht. Auf dem Flur müssen wir neben den Türen an der Wand warten. Nach ein paar Minuten heißt es: „Los!“. Händeschütteln auf dem Gang mit Freunden und Bekannten: „Hallo, wie geht`s?“– „Geht so. Und dir?“– „Ja, wie immer halt. Normal.“… Es geht in der Meute die Treppe hinunter, gefolgt von den Wächtern. Unten durch einen Metalldetektor und ins Freie. Zwischen Mauern mit Stacheldraht gehen wir durch einen Gang zu den Höfen. Links ist „unser“ Hof. Wenn alle drin sind, wird die Tür abgeschlossen – erst nach etwa anderthalb Stunden geht sie wieder auf. Unser Hof hat eine Wiese, noch ist sie grün. Eine Runde auf dem Schotter dauert ungefähr hundertfünfzig Schritte: Fünfzig, fünfundzwanzig, fünfzig, fünfundzwanzig, dann wiederholt es sich. An der Seite steht ein Blechdach zum Schutz vor Sonne und Regen, gestützt auf Betonsäulen. Ein Wasserhahn an der Wand tropft immer.
Auf dem Weg zum Gulli ist etwas entstanden, das wir unser Feuchtbiotop nennen. Immerhin eine kleine Abwechslung: einmal pro Runde der Schritt über den kleinen Wasserlauf. Zeitungen fliegen umher oder vermodern langsam im Wasser. Mülleimer gibt es nicht.
Die Betonmauer rund um den Hof ist etwas über zwei Meter hoch, darauf sind noch mal knapp zwei Meter Zaun, mit einem Überhang zu unserer Seite. An diesem Überhang hängt sogenannter NATO-Draht, das sind Stacheldrahtrollen von etwa achtzig Zentimetern Durchmesser. Die Metallbänder darin stehen unter Spannung und sind besetzt mit kleinen
Klingen und Widerhaken.
Auf drei Seiten überragt das Hauptgebäude des Knastes die Mauern. Ein fünfstöckiger Betonklotz in Plattenbauweise, der vom Hof aus wie eine Festung aussieht. Über der Mauer an der vierten Seite des Hofes thront ein Wachturm. Oft klettern Gefangene so weit an der Mauer hoch, dass sie auf einen der anderen Höfe hinübergucken und -brüllen können. Der Wächter im Turm ignoriert das meistens, aber manchmal wird derjenige auch rausgeholt. Über den Höfen sind Drahtseile gespannt, um Befreiungen per Hubschrauber zu erschweren.
Manchmal ist es schön, den Himmel zu betrachten: vorbeiziehende Wolken, Sonne, ein paar Vögel. Wenn es mal regnet, dann ist das auch ein richtiges Erlebnis. Irgendwie eine Art Beweis dafür, dass wir noch auf der Welt sind. Wenn ich die Regentropfen spüre, merke ich, dass dieses seltsame Raumschiff, dieser von der Außenwelt abgeschnittene Knastkomplex, doch auf der Erde steht…
Wenn ich auf dem Hof herumgehe, kommt es mir vor, als wäre ich in ein Zeitloch gefallen, als ich hierherkam. Die ersten Tage vor drei Monaten scheinen eine Ewigkeit her zu sein. Andererseits hat sich seitdem kaum etwas geändert. Was passiert ist, das Wenige, das aus dem Alltag herausragt, lässt sich kaum zuordnen: Es könnte gestern gewesen sein, letzte Woche oder vor einem Monat. Und auch morgen, nächste Woche oder nächsten Monat wird nicht viel anderes passieren. Die einzelnen Tage vergehen meistens schnell, schnell ist auch wieder eine Woche um. Aber es ist nur eine von vielen, die schon vorbei sind und die noch kommen.
Auf dem Hof sind mal zwanzig Gefangene, mal vierzig. Sie stehen herum, rauchen, quatschen, sitzen unterm Blechdach oder auf der Wiese, spielen Schach oder Karten oder gehen im Kreis, die hundertfünfzig Schritte weit, immer rechts herum. Selten geht jemand in die andere Richtung, und auch nur, wenn nicht so viele andere unterwegs sind, damit man sich nicht ständig ausweichen muss. Eine Gruppe, die in der Ecke stand, hat mich einmal darauf angesprochen: „Hier geht man so lang rum, du gehst falsch rum“, erklärten sie mir. Ich konnte es kaum glauben. „Das ist gut für den Kopf, mal was anderes zu machen“, versuchte ich zu erklären. Weiß aber nicht, ob sie es verstanden haben.

Plötzlich ist es mitten am Nachmittag ganz dunkel geworden in unserem Zimmer (so nenne ich die Zelle oft, um es mir selber schön zu reden). Wir sind im obersten Stockwerk und durch das Gitter kommt eigentlich eine Menge Licht. Aber diesmal ist es plötzlich dunkel. Riesige schwarze Wolken sind aufgezogen und mit einem Mal platzen sie. Der Regen prasselt auf den Hof und wird an die Mauern gepeitscht, es blitzt und donnert. Wir drücken die Nasen gegen das Gitter, um das Spektakel zu beobachten. Hunderte Zellenfenster schauen von drei Seiten auf den gleichen Hof. Jedes Fenster liegt in einer Art Nische – das lässt die Fassade so aussehen wie eine riesige Bienenwabe aus Beton. Durch diese Architektur sind die Fenster voneinander getrennt und man muss sehr laut brüllen, um sich von Fenster zu Fenster verständigen zu können. Die Stimmen werden vom Echo verzerrt und erzeugen eine ganz eigenartige Atmosphäre. An diesem Nachmittag platzt nicht nur der Himmel und ein gewaltiges Gewitter bricht los. Es erhebt sich auch ein wildes Heulen aus dutzenden Kehlen, das immer stärker wird, immer mehr Gefangene steigen mit ein. Manche klingen wie Hirsche, Bären oder Wölfe, andere schreien „Ajajaj!“, oder man kann es einfach nicht beschreiben.
Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht peinlich berührt beiseite geguckt, wenn ich jemanden so schreien gehört hätte. Aber diesmal würde ich am liebsten selber schreien, anschreien gegen das Gewitter und gegen den Knast. So vieles klingt da mit in diesem Gebrüll: Verzweiflung; Wut; Lust am Leben; der Wunsch, sich frei bewegen zu können; der Hass auf den Knast, auf die Justiz und auf alles, was uns hierher gebracht hat. Die Sehnsucht nach Menschen, die wir nicht sehen dürfen.
Vor allem spüre ich eine Verbundenheit. So ein Gefühl, mit all den anderen, die da schreien oder nur stumm lauschen, im selben Boot zu sitzen, das gleiche Schicksal zu teilen, Ähnliches zu fühlen. Der Regen prasselt und schlägt gegen die Mauern, Blitze zucken, Donner rollen, die Stimmen überschlagen sich, Menschen trommeln an die Gitter oder hämmern auf die Heizungsrohre…

Ein paar Freunde, mit denen man über fast alles reden kann, sind echt was wert, gerade hier im Knast. Immer dieselbe Handvoll Menschen kann einem auch mal auf den Keks gehen, das ist ja kein Wunder. Aber ohne Freunde hier wäre es schlimm, ich will es mir gar nicht vorstellen. Wir quatschen viel, machen zynische Witze über die Justiz und tauschen Neuigkeiten aus, spielen Doppelkopf, führen Smalltalk mit anderen Gefangenen und geben uns Süßigkeiten oder Briefmarken weiter. Manchmal reden wir auch über Pläne für die Zukunft, das macht Freude: Reisen, in die Berge oder ans Meer. Freundinnen und Freunde wiedertreffen. Durch die Stadt oder durch den Wald spazieren und immer weitergehen können – ohne Mauern, ohne Stacheldrahtrollen. Auch größere Pläne kommen vor: Wie kann der Weg in eine Gesellschaft aussehen, in der Knäste überflüssig sind? In der Menschen ihre Interessen und Fähigkeiten ausleben und einbringen können und die Bedürfnisse von allen bestmöglich befriedigt werden? Eine Gesellschaft, in der Menschen ihr Leben selbst gestalten und mitbestimmen können, was um sie herum passiert? …

Einiges hätte ich noch zu erzählen, zum Beispiel vom ersten Mal auf dem Sportplatz, nach knapp einem Monat im Knast: weiter Blick, weiter Himmel, der mönströse Knastkomplex hundert Meter weit weg, am Rand Blumen und hohes Gras… Oder von der Zwiespältigkeit der Besuche könnte ich erzählen: Freude und Aufregung, Verbindung nach draußen, Kraft und Mut, aber auch viel Sehnsucht, hinterher, wenn mir alles dort draußen noch weiter weg vorkommt, was für zwei Stunden plötzlich so nah war.

Wenn ich noch einmal lese, was ich geschrieben habe, merke ich, wie viel fehlt. Es ist ja auch klar, dass sich monatelanges Knastleben nicht auf wenigen Seiten vollständig beschreiben lässt. Meine Stimmung geht auf und ab und dabei ändern sich auch meine Gedanken und Einschätzungen. Mehr als ein paar kleine Einblicke in mein persönliches Erleben kann ich hier nicht geben. Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob deutlich wird, wie wichtig gegenseitige Hilfe und Vertrauen sind und die Solidarität untereinander und von außen. Es ist gut und wichtig zu wissen, dass ich hier nicht vergessen werde, dass wir nicht allein sind. So unterstützt kann man schon einiges durchstehen.
Neulich beim Hofgang war da mal ein bunter Haufen Leute auf einem Dach gleich hinter der Knastmauer. Sie haben gewunken und gerufen, ein Transparent ausgerollt und Sprechchöre gebrüllt – es war Wahnsinn. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte, außer ein bisschen winken. Da waren plötzlich Menschen von draußen, gar nicht weit weg von uns und von allen drei Höfen auf dieser Seite des Knastes gut zu sehen. Auf dem Hof gerieten alle in Aufregung, brüllten herum und versuchten, das Transparent zu entziffern. Nach einer Viertelstunde war der Spuk schon wieder vorbei, die Leute auf dem Dach winkten ein letztes Mal und gingen nach Hause. Aber die Erinnerung daran ist noch lebendig.

Autor: anonym
Übersetzung: anonym
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Ein Weg liegt vor dir,
du kennst ihn genau.
Du stehst auf und legst dich wieder hin,
denn in dem Kreislauf bist du schon drin.

Du weist du hast Zeit,
jede Menge davon.
Sie sinnvoll zu nutzen, was macht das schon?

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